Das Problem
Die LEO-Studie der Universität Hamburg hat 2018 rund 6,2 Millionen gering literalisierte Erwachsene in Deutschland ermittelt: Menschen, die einzelne Sätze lesen können, aber keinen zusammenhängenden Text. Die große Mehrheit von ihnen ist erwerbstätig. Kurse an der Volkshochschule erreichen davon nur einen sehr kleinen Teil — nicht weil sie schlecht wären, sondern weil hinzugehen bedeutet, sich zu erkennen zu geben. Genau das vermeidet man seit dreißig Jahren mit großem Aufwand.
Was man aufbaut
Arbeitsplatzorientierte Grundbildung: Kurse im Betrieb, in der Arbeitszeit, an den Texten des Betriebs — Sicherheitsunterweisung, Schichtplan, Übergabezettel, Gefahrstoffkennzeichnung. Angeboten wird es als Weiterbildung für ganze Teams, differenziert wird im Kurs. Naheliegende Partner sind Reinigungsfirmen, Logistik, Pflege, Kantinen, Bau. Material dafür gibt es fertig; entwickelt nichts neu, bevor ihr das Bestehende kennt.
Wer etwas davon hat
Menschen, die seit zwanzig Jahren zuverlässig arbeiten und jeden Tag Energie darauf verwenden, dass niemand es merkt — und die deshalb keine Fortbildung machen und nicht aufsteigen. Für die Betriebe: weniger Fehler und weniger Unfälle, weil Unterweisungen tatsächlich ankommen.
Dein erster Schritt — diese Woche
Ruf den Betriebsrat oder die Personalleitung eines Betriebs mit vielen Anlerntätigkeiten an und frag beiläufig, ob Unterweisungen manchmal 'nicht ankommen' und ob Formulare oft falsch ausgefüllt zurückkommen. Die Antwort ist fast immer ja. Sieh dir davor die frei verfügbaren Materialien des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung an.
Woran es meistens scheitert
Scham, und sie ist stärker als jedes Argument. Niemand meldet sich zu einem Kurs an, der 'Lesen und Schreiben' heißt, auch nicht anonym, auch nicht bei kostenloser Teilnahme. Erfolgreiche Projekte nennen es Weiterbildung, laden ganze Teams ein und differenzieren erst im Raum. Der zweite Punkt entscheidet genauso: Wenn der Kurs in der Freizeit stattfindet, kommt niemand — ihr braucht die Führungskraft, die Arbeitszeit dafür freigibt, und die gewinnt ihr nur mit einem betrieblichen Argument (Unfallzahlen, Fehlerquote, Fluktuation), nicht mit einem sozialen.